Neurologie & Psychiatrie
Medikamenten- und Substanzabhängigkeit: Diagnose
Medikamenten- und Substanzabhängigkeit
Definition
- Psychische und/oder physische Abhängigkeit von psychotropen Substanzen und/oder Medikamenten
- Scheinbar zwanghaftes, begierdemäßiges Verhalten, das durch die fehlende Möglichkeit zur freien Entscheidung gekennzeichnet ist
- Charakteristikum ist starker, gelegentlich übermächtiger Wunsch, psychotrope Substanzen bzw. Medikamente zu konsumieren
- Tendenz zur Dosissteigerung
- Charakteristische Abstinenzsyndrome bei Entzug der Sucht verursachenden Substanzen
Entstehungsbedingungen und Charakteristika
Alle psychotropen Substanzen, die über ein Abhängigkeitspotenzial verfügen, üben Belohnungseffekte aus. Das funktionelle Korrelat dieser Effekte ist eine Dopaminfreisetzung im Nucleus accumbens, einem Teil des Mesolimbischen Systems, das auch als „Rewardsystem“ des Gehirns bezeichnet wird.
Die Sucht, die durch Abhängigkeitssymptome gekennzeichnet ist, umfasst körperliche, Verhaltens- und kognitive Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang gegenüber anderen Verhaltensweisen hat. Substanzabhängigkeit umfasst ein mulitfaktorielles Geschehen, wobei genetische Faktoren, der frühkindliche Entwicklungsverlauf, die psychosozialen Rahmenbedingungen sowie der kulturelle Hintergrund eine wesentliche Rolle spielen dürten.
Geschlechtsspezifische Charakteristika von Suchtpersönlichkeiten
Suchtgefährdete Männer neigen dazu, in entspannenden Situationen und zur Belohnung Substanzen mit Suchtpotenzial einzunehmen, währenddessen suchtkranke Frauen vornehmlich in Stresssituationen und zur Bewältigung von Problemen zu psychotropen Substanzen und Medikamenten greifen. Während bei suchtkranken Männern eine Assoziation mit „externalisierenden“ Verhaltensmustern, z. B. verminderter Impulskontrolle und Aggressivität, nachgewiesen werden konnte, so steht bei substanzabhängigen Frauen ein „internalisierendes“ Verhalten, wie es u.a. im Rahmen von depressiven Störungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu finden ist, mit dem Substanzabusus in Verbindung.
Männer neigen zu Verhaltensmustern, die mit den Überbegriff "fight or flight" beschrieben werden können, währenddessen Frauen eher mit dem Begriff "tend and be friend" charakterisiert sind. Bei substanzabhänigen Frauen sind des Weiteren höhere Therpie-Abbruchraten festzustellen, die u.a. auf Angst vor Stigmatisierung in der Gesellschaft zurückzuführen sind, wiewohl auch Persönlichkeitsmerkmale eine wesentliche Rolle spielen dürften. Auf psychologischer und sozialer Ebene zeichnen sich bei Patientinnen mit Substanzabhängigkeit öfters Beziehungsprobleme und Tendenz zu sozialer Isolation ab, während bei Männern häufiger forensische Probleme im Vordergrund stehen.
Suchtmotive
- Betäubung ("Nichts mehr wissen wollen")
- „Selbstmedikationshypothese“: Substanzeinnahme zur Lösung von Spannungen oder Angstzuständen
- Beeinflussung von dysphorisch-depressiven Verstimmungszuständen
- Bekämpfung von Schmerzen oder Schlafstörungen
- Berauschung
- aber auch Leistungssteigerung bzw. Steigerung der Erlebnisfähigkeit
Weitere mögliche Einflussfaktoren:
Einfluss des soziokulturellen Umfeldes, Ablehnung des Leistungsprinzips einer Industriegesellschaft, Absage an eine Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, Zugänglichkeit zur Droge, Modeströmungen
Auch genetisch vererbte Merkmale wurden in zahlreichen Studien und Zwillingsuntersuchungen nachgewiesen.
Drogenabhängigkeit vom Opioidtyp
Stoffe
- Opiate = Stoffe, die aus dem Schlafmohn gewonnen werden, z. B. Heroin, Morphin
- semisynthetische und synthetische Derivate, die opiatähnliche Wirkungen auslösen können, z. B. Substanzen zur Erhaltungstherapie (Methadon, Morphinhydrochlorid, Morphinsulfat, Buprenorphin)
- beim Menschen körpereigene Opioide, z. B. Enkephaline, und in Tieren zu findende Peptide, die Wirkungen auslösen können, die jenen der Opioide ähnlich sind
Überbegriff für alle Substanzen lautet Opioide, z. B. Heroin, Morphin, Codein, Nalorphin, Piritramid, Methadon, Buprenorphin, Morphine, etc.
Opioidwirkungen und Symptome der Abhängigkeit
Zentrale Wirkungen
Spinale Analgesie, supraspinale Analgesie, Euphorie, Sedierung mit in der Folge „verwaschener“ Sprache, Muskelrigidität, Anxiolyse, Hypothermie, Miosis („Stecknadelpupillen“), Atemdepression, antitussive Wirkung, antiemetische Wirkung, Blutdrucksenkung, Bradykardie
Periphere Wirkungen
Störung des Galleflusses, Harnverhaltung, Hemmung der Wehentätigkeit, verzögerte Magenentleerung, Obstipation, Impotenz, Haarausfall, massive Zahnschädigung und Gewichtsabnahme bis zur Kachexie durch Ernährungsstörungen
Symptome der Abhängigkeit
Stimmungsschwankungen, dysphorische bis depressive Symptomatik, Leistungsabfall mit Antriebs- und Initiativlosigkeit, Verwahrlosungserscheinungen
Abstinenzsyndrom bei Substanzkarenz
Opioidverlangen, Pupillenerweiterung, Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Schweißausbrüche, Piloerektion („cold turkey“), Übelkeit und Erbrechen, Tachykardie, Durchfall, Hypertonie, oftmaliges Gähnen, Kreislaufdekompensation, Polyurie, Schweißausbrüche, Spasmen, Diarrhoen, Unruhezustände, Angst, Schlaflosigkeit, Dysphorie, Schmerzen in Muskeln und großen Gelenken
Sedativa und angstlösende Medikamente
Der Missbrauch von barbituratfreien und barbiturathaltigen Pharmaka nimmt weltweit zu. Neben der bewusst missbräuchlichen Einnahme zur Erzielung von angst- und spannungslösenden Wirkungen werden beispielsweise Barbiturate und verwandte Substanzen, vor allem aber Benzodiazepine, oftmals durch Ärzte leichtfertig zum Einsatz gebracht und in vielen Fällen entwickelt sich hieraus eine Abhängigkeit (mögliche „low dose dependence“ bei langzeitiger Benzodiazepineinnahme). Nach länger dauernder Anwendung von Benzodiazepinen (Monate bis Jahre) nehmen deren Wirkungen, sedative Effekte mehr als anxiolytische, deutlich ab; bei plötzlicher Reduktion/Absetzen entwickelt sich ein Entzugssyndrom, das umso ausgeprägter ist, je höher die Dosierung und je länger die Einnahmedauer war. Ein Benzodiazepinentzug dauert besonders lange und ist zudem noch durch das Auftauchen von lang anhaltenden Schlafstörungen und eventueller Angstsymptomatik gekennzeichnet.
Symptome
chronische Intoxikation
Koordinationsstörungen, Ataxie, Tremor, lallende Sprache, hirnorganisches Psychosyndrom
Abstinenzsyndrom
lang anhaltende Schlafstörungen, Unruhezustände, erhöhte Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Kreislaufregulationsstörungen, Obstipation wechselnd mit Durchfällen, Muskelkrämpfe, Myoklonien, Par- und Dysästhesien, nach hohen Dosen Krampfanfälle und Entzugsdelirien
Psychomotorisch stimulierende Substanzen
Stoffe
Zu den psychomotorisch stimulierenden Substanzen zählen Kokain, Amphetamin und dessen Abkömmlinge (Ephedrin, Metamphetamin, Fenetyllin [Captagon®], Amphetaminil, Methylphenidat [Ritalin®]). Kokain besitzt einerseits eine lokalanästhetische Wirkung durch Blockade spannungsabhängiger Na+-Kanäle, andererseits auch eine psycho-motorische Komponente durch Inhibition der Monoamin-Rückaufnahme im Gehirn, die zur Blockade der Transportproteine für Dopamin, Noradrenalin und Serotonin führt.
Amphetamin und dessen Abkömmlinge greifen an den Transportproteinen für Monoamine an. Anders als Kokain bewirken sie aber nicht nur eine Aufnahmehemmung, sondern auch eine Freisetzung der Monoamine aus der Präsynapse in den Extrazellulärraum. Hauptsächlich Noradrenalin und Dopamin sind von diesen Wirkmechanismen betroffen. Therapeutisch werden Amphetamine bei Kindern mit hyperkinetischen Verhaltensstörungen und bei Narkolepsie eingesetzt. Die ausgeprägte anorektische Wirkung der Amphetamine führte in der Vergangenheit missbräuchlich zu deren Einsatz als Appetitzügler, was jedoch im Hinblick auf das Abhängigkeitspotenzial aller Appetitzügler als äußerst fragwürdig erscheint.
Symptome
Kokain
Unterdrückung des Müdigkeitsgefühls, Schlaf-, Appetitlosigkeit, erhöhte Libido, Hyperaktivität, Gefühl der Leistungssteigerung, bei höheren Dosen Euphorie, seltener Halluzinationen, Angst, Irritation, eventuell Krampfanfälle, Vasokonstriktion (mit Hypertonie) und Tachykardie, erhöhtes Auftreten von Myokardschäden mit eventuellem konsekutivem Herzversagen und Insulten, vor allem bei chronischem Kokainkonsum
Amphetamine
Ähnliche Wirkungen wie bei Kokain, jedoch zumeist stärker ausgeprägt: Erregung, Antriebssteigerung, Euphorisierung, Steigerung der Konzentration und der Wahrnehmungsfähigkeit, Erhöhung der motorischen Aktivität, Appetitreduktion, Verminderung des Schlafbedürfnisses, Verlust der Kritikfähigkeit, bei hohen Dosen auftreten von paranoid-halluzinatorischen, schizophrenieähnlichen Psychosen
Abstinenzsyndrom
Ängstlich-depressive und evtl. kurzfristige maniforme Verstimmungen, über Monate anhaltende Müdigkeit und Schlafstörungen, Erschöpfung, Bradykardie
Halluzinogene
Stoffe
- jene, die Monoamine freisetzen, vorwiegend Phenylethylaminderivate, z. B. Ecstasy, Mescalin, und/oder an Monoaminrezeptoren angreifen, z. B. LSD und Psilocybin
- solche, die NMDA-Rezeptoren blockieren, z. B. Phencyclidin („angel dust“) und Ketamin
Die Wirkungen dieser Psychotomimetika sind einander ähnlich.
Symptome
Veränderungen des Gedankenduktus, der Sinneswahrnehmung (akustische und taktile Halluzinationen) und der Stimmungslage; Gedanken werden verworren, ungeordnet, flüchtig, die Wahrnehmung erscheint traumartig, Wahnvorstellungen können entstehen; Stimmung ändert sich nicht in eine eindeutige Richtung, sowohl depressive als auch euphorische affektive Störungen können in Erscheinung treten, meist kommt es zu einer Verstärkung der Ausgangssituation; Blutdruckanstieg, Hyperthermie, Hypersalivation, Mydriasis, Tachykardie, Schwitzen, Hyperreflexie, Tremor
Es kommt zu einer psychischen Abhängigkeit ohne Dosissteigerung.
Gefahren
Ausbildung einer psychischen Fehlhaltung, die sich in einem passiven, antriebslosen, apathischen und interesselosen Verhalten zeigt. Nach oftmalig wiederholter Anwendung können auch ohne Einnahme von Halluzinogenen psychotische Episoden auftreten, insbesondere visuelle Halluzinationen, deren Symptomatik mit jener nach Substanzeinnahme zu vergleichen ist („Flashback-Episoden“)
Cannabis
Stoffe
Cannabinoide sind die Inhaltsstoffe des indischen Hanfs, die in unterschiedlichen Zubereitungen angewandt werden: Marihuana (Gemisch getrockneter Blüten und Blätter), Haschisch (das Harz der Spitzen der blühenden weiblichen Staude) und Haschischöl (öliges Haschischextrakt) - durch hohe Lipophilität gelangen Cannabisöle schnell ins zentrale Nervensystem und werden nach erfolgter Einlagerung ins Fettgewebe nur langsam eliminiert.
Symptome
Wirkungen
Entspannung, leichte Euphorie, Intensivierung der Sinneswahrnehmungen, Störungen des Zeitgefühls, Apathie, Müdigkeit, Reduktion der Denkleistung, antiemetische Wirkung, Analgesie, bei hohen Dosen und prädisponierter Persönlichkeit Psychosen mit Halluzination und Angstzuständen, Vasodilatation, konjunktivale Rötung, Hunger, Bronchodilatation, Tachykardie, Blutdruckdysregulation
Entzug
Cannabisverlangen, Schlafstörung, gastrointestinale Krämpfe, Erbrechen, Gereiztheit, Ruhelosigkeit, Übelkeit, Appetitlosigkeit
Letztes Update:5 März, 2009 - 12:42







